Horch und Guck | HEFT 76 | 02/2012 | themen | SEITE 52-56

William Totok

Securitate und Vatikan

Das von Papst Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli, 1881-1963) 1962 initiierte Zweite Vatikanische Konzil sollte innerhalb der römisch-katholischen Kirche eine ganze Reihe pastoraler Reformen durchsetzen und die Ökumene vorantreiben. Gleichzeitig sollte das Konzil die Kirche an die Gegebenheiten der Moderne anpassen und sie von verstaubten Traditionen befreien. Die signalisierte Dialogbereitschaft mit anderen Konfessionen sowie die politische Öffnung in Richtung kommunistischer Staaten ging Hand in Hand mit einer neuen Ost-Politik, die von der vatikanischen Diplomatie in den nachfolgenden Jahren vorangetrieben wurde. Die Versuche, gerade mit den kommunistischen Regierungen jener Länder – wie Rumänien – ins Gespräch zu kommen, wo die Katholiken während des Stalinismus zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt waren, stießen innerhalb lokaler kirchlicher Kreise nicht immer auf ein positives Echo.
In Rumänien wurde die griechisch-katholische (unierte) Kirche 1948 verboten und in die rumänisch-orthodoxe Kirche zwangsintegriert. Die unierten Geistlichen und Bischöfe, die sich dem Anschlussbefehl der kommunistischen Behörden nicht fügten, mussten zahlreiche Schikanen erdulden oder kamen ins Gefängnis. Die römisch-katholische Kirche wurde nicht verboten. Sie galt bis 1989 als eine vom Staat tolerierte Religionsgemeinschaft, allerdings ohne legalen Status. Die meisten römisch-katholischen Bischöfe waren in den fünfziger Jahren inhaftiert, nachdem die fünf bis 1948 existierenden Diözesen aufgelöst und zu zwei Superdiözesen zusammengelegt wurden, die von Alba Iulia und die Erzdiözese Bukarest-Iaşi. Nachdem das kommunistische Regime das Konkordat mit dem Vatikan annulliert hatte, folgte 1950 der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl und die Ausweisung der Nuntiatur aus Bukarest. Die Lage des katholischen Klerus, der sich dem Papst gegenüber loyal verhielt, verschlechterte sich. Die Staats- und Parteiführung suchte zudem geeignete Mittel, um den hohen katholischen Klerus zu diskreditieren, und stützte sich dabei auf die Mithilfe der politischen Geheimpolizei, der gefürchteten und brutalen Securitate.
1949 beispielsweise forderte Politbüromitglied Ana Pauker die Securitate auf, zweckentsprechende Scheingründe zu konstruieren, um all die Geistlichen öffentlich zu blamieren, die sich weigerten, mit den kommunistischen Behörden zusammenzuarbeiten. Der Kompromittierungsplan sah u.a. auch vor, Priester wegen krimineller Handlungen zu verurteilen oder ihnen sexuelle Fallen zu stellen, da katholische Kleriker bekanntlich zum Zölibat verpflichtet sind.
Der von einem großen propagandistischen Getöse begleitete politische Schauprozess gegen die so genannten „Spione des Vatikans“ im September 1951, an dessen Spitze der römisch-katholische deutsche Bischof der Temeswarer Diözese, Augustin Pacha (1870-1954) stand, sollte der Einschüchterung des niederen Klerus und der Gläubigen dienen. Trotz des entfachten Terrors scheiterte der Versuch der kommunistischen Behörden, eine von Rom unabhängige, nationale katholische Kirche zu gründen.
Anfang der sechziger Jahre beginnt sich auch in Rumänien so etwas wie ein ideologisches Tauwetter abzuzeichnen. Das zunehmend auf sein internationales Image bedachte Regime beginnt sich vorsichtig aus den dogmatischen Verknöcherungen des Stalinismus zu lösen. Auch die behutsame Öffnung des Vatikans dem Ostblock gegenüber sowie die Bereitschaft des Heiligen Stuhls, den Dialog mit den kommunistischen Regierungen aufzunehmen, treibt den Entspannungsprozess voran.
Es ist schwer zu sagen, ob sich die päpstlichen Diplomaten bewusst waren, dass die vom rumänischen Regime zugelassenen Kirchenvertreter, zu denen es Kontakte gab, im Grunde die Interessen der kommunistischen Partei vertraten und häufig auch noch Aufträge der Geheimpolizei ausführten.
Aus den bislang eingesehenen Dokumenten aus dem Archiv der früheren Securitate ergibt sich ein verheerendes Bild bezüglich der Unterwanderung der Kirche. Zugleich enthalten die Akten aber auch viele Belege für den Mut und den Aufopferungswillen unzähliger Geistlicher und Gläubiger, die sich dem Diktat der kommunistischen Behörden furchtlos widersetzten. Um den von den kommunistischen Behörden simulierten Liberalisierungsprozess bezüglich der Entspannung zwischen Staat und Kirche vor der internationalen Öffentlichkeit glaubhaft zu machen, wurden zahlreiche hohe Vertreter des katholischen Klerus nachrichtendienstlich präpariert. Ihre Aufgabe bestand darin, sowohl den Vatikan als auch westliche Journalisten in die Irre zu führen und ihnen das Bild eines weltoffenen kommunistischen Regimes vorzugaukeln. Eine Sonderrolle spielten die von der rumänischen Staatsführung an die Spitze der katholischen Kirche gehievten Führungspersönlichkeiten.

Nachfolger des Geheim-Bischofs

Im Zentrum der geheimdienstlichen Aufmerksamkeit stand das frühere Erzbistum Bukarest, dessen nach 1948 vom Vatikan akzeptierte Geheimbischöfe im Gefängnis saßen. Nach der Inhaftierung des Geheimbischofs Josef Schubert wurde 1951 Stanislau Traian Iovanelli (1890-1961) mit der Leitung der Erzdiözese Bukarest beauftragt. Iovanelli befand sich von 1949 bis 1951 in Haft und hatte sich dem Anliegen der kommunistischen Behörden nicht widersetzt, die Führung der verwaisten Erzdiözese als Generalvikar zu übernehmen. Doch die Geheimpolizei misstraute ihm trotzdem. Auf Iovanelli wurden zahlreiche Spitzel angesetzt, seine Wohnung verwanzt, das Telefon abgehört und die Briefe geöffnet. Die sechs Bände des unter dem Decknamen „Der Italiener“ eröffneten operativen Vorgangs gegen Iovanelli enthalten unzählige Berichte, Analysen und Maßnahmenpläne.1
Der Securitate war es gelungen, zahlreiche
Priester und Angestellte der kirchlichen Verwaltung als inoffizielle Mitarbeiter anzuwerben, inklusive des Sekretärs Iovanellis, Roland Radler, der in den Akten unter dem Decknamen „Toma“ auftaucht.2
In einem von den Securitateoffizieren Oberstleutnant Bernard (Bebe) Goldenberg, Oberleutnant Mihai Wawiernia und Hauptmann Dumitru Meliţă am 3. Dezember 1960 erstellten Bericht wird Iovanelli als ein „eindeutig regierungsfeindliches Element“ beschrieben. Der Generalvikar habe sich als illoyal erwiesen, heißt es weiter, und habe versucht, geheime und verbotene Kontakte zum Vatikan zu knüpfen. Um diesem Treiben entgegenzuwirken, schlagen die Offiziere vor, Iovanelli „schrittweise zu entmachten“ und an seine Stelle, an die Spitze der Erzdiözese von Bukarest, den Domherrn Francisc Augustin einzusetzen.
Letztendlich sollte ein inoffizieller Securitate-Mitarbeiter das vom Vatikan nicht anerkannte Amt des „Führers der römischkatholischen Kirche Rumäniens“ übernehmen. Das gelang allerdings erst nach Iovanellis Tod 1961.
Bevor die Securitate Francisc Augustin in dieses Amt brachte, wurde er genau durchleuchtet. Eine besondere Aufmerksamkeit galt seinen hedonistischen Neigungen und seinem frivolen Lebensstil. In einem Bericht wird Augustin als „geldgieriges Element“ beschrieben, das interessiert sei, „klerikale Ämter“ auszuüben. Unter Mitwirkung einer Agentin („Sanda“) stellte ihm die Securitate eine raffiniert ausgeheckte Falle, in die Augustin ahnungslos tappte. Der peinliche Vorgang wurde von der Geheimpolizei schließlich als mehr oder minder sanftes Druckmittel eingesetzt, um Francisc Augustin als inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben, ihn in dieser Eigenschaft unter Kontrolle zu halten und ihn gelegentlich auch als glaubwürdigen Einflussagenten einzusetzen und zu benutzen.
„Ich verpflichte mich“, schrieb Francisc Augustin am 21. Dezember 1960 in seiner Verpflichtungserklärung, „mit den Organen des Staatssicherheitsdienstes zusammenzuarbeiten im Hinblick auf die Enttarnung von feindlichen Elementen, die sich hinter einer religiösen Maske verschanzen, um auf diese Weise Handlungen durchzuführen, die gegen die Rumänische Volksrepublik gerichtet sind.“3
Seine unzähligen Berichte, die er in den darauffolgenden Jahren der Securitate übergab, unterschrieb er mit dem Decknamen „Matei Popescu“. Sie befinden sich in den Akten einer Vielzahl von Opfern, aber auch in den zum internen Gebrauch bestimmten, die katholische Kirche betreffenden dokumentarischen Beständen der politischen Polizei.
Francisc Augustin wurde am 19. Juli 1906 in Lucăceşti (Bezirk Suceava) geboren. In einigen Dokumenten wird er als „deutschstämmig“ beschrieben, mitunter trägt seine ethnische Herkunft auch den Vermerk „polnischstämmig“. Er studierte Theologie in Genua (Italien) und wurde 1931 zum Priester geweiht. Danach war er ein Jahr lang als Professor am Bukarester Priesterseminar tätig, von 1932 bis 1952 war er Seelsorger an weiteren Seminaren. 1952 wurde er verhaftet und zusammen mit der Gruppe des Prälaten Hieronymus Menges (1910-2002) wegen „unterlassener Anzeige“ zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren und 11 Monaten verurteilt.
Menges gehörte zur Geheimhierarchie der katholischen Kirche und sollte die Funktion des 1951 verhafteten und verurteilten Bukarester Geheimbischofs Josef Schubert übernehmen. 1952 wurde auch Menges verhaftet und verurteilt.
Kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis durfte Menges 1964 Rumänien verlassen und in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. In den siebziger Jahren protestierte er erfolgreich gegen die Einstellung von Ivan Deneş als Redakteur des in München stationierten, amerikanischen Senders Radio Free Europe. Menges warf Deneş dessen Beteiligung an den in den sechziger Jahren von den kommunistischen Behörden angeregten „Umerziehungsmaßnahmen“ politischer Häftlinge vor.
Aus den inzwischen bekanntgewordenen Akten der Securitate geht hervor, dass Ivan Deneş, mit einer kleinen Unterbrechung, von 1948 bis 1989 als inoffizieller Mitarbeiter der Securitate sowohl in Rumänien als auch später nach seiner Ausreise nach Israel und anschließend in die Bundesrepublik unter unterschiedlichen Decknamen („GX-36“, „Petru Pintilie“ „Konrad“ und „Kraus“) tätig war.4
Francisc Augustin wurde am 13. Oktober 1955 aus dem Kerker entlassen. So steht es zumindest in einem Vermerk in seiner Haftakte. Anderen Quellen zufolge soll er erst 1956 freigelassen worden sein.
Von 1956 bis 1961 war er wieder als Priester in der Stadt Tîrgovişte und in Cioplea, einer Gemeinde in unmittelbarere Nähe von Bukarest, tätig. Nach dem Tod von Iovanelli im September 1961 übernahm er – wie von der Securitate geplant – die Leitung der Bukarester Erzdiözese, die er als Ordinarius substitutus bis zu seinem Tod im Jahr 1983 lenkte.
„Er führte die Erzdiözese in den schweren Jahren der kommunistischen Verfolgung, wobei es ihm sehr gut gelang, sich an die Epoche anzupassen“, heißt es beschönigend in einem Miniporträt des Kirchenführers, das in der Zeitschrift der Bukarester römisch-katholischen Erzdiözese veröffentlicht wurde.5

oft viel zu willfährig“

In den Augen der Securitate war Augustin ein „devoter“ Mitarbeiter, der sich immer durch „korrektes Verhalten“ ausgezeichnet hat. In einem Analysebericht aus dem Jahr 1963 hob sein Verbindungsoffizier, Oberstleutnant Ştefan Kasza, mit unverkennbarer Verblüffung weitere Eigenschaften des fleißigen Agenten hervor:
„In den zu uns aufgebauten Beziehungen verhält er sich einwandfrei, er kommt immer pünktlich zu den vereinbarten Treffen und übergibt uns sorgfältig verfasstes informelles Material, dessen Inhalt auch durch andere Quellen bestätigt wurde [...]. Man muss sagen, dass er uns mitunter sogar oft viel zu willfährig entgegenkommt. [...] Er hat keinerlei Bedenken mit uns zusammenzuarbeiten und uns informelles Material zu übermitteln.“
Im gleichen Dokument ist die niederschmetternde Feststellung des Offiziers nachzulesen, in der festgehalten wird, dass Augustin „kein religiöser Fanatiker“ sei und „wenig schmeichelhafte Meinungen über manche Prälaten des Vatikans und selbst über den Papst vertrete“.
In dem von dem Securitateoffizier entworfenen Porträt des IM wird Augustin als ein „seinen Untergebenen gegenüber streng auftretendes und selbstgefälliges Element“ beschrieben, als „intelligent, gebildet und schlau“, als jemand, der sich in allen Situationen blendend zurechtfindet und mit Leichtigkeit Verbindungen zu anderen Personen aufbauen könne. Hervorgehoben wird zudem die Tatsache, dass er fließend sechs Fremdsprachen spricht, französisch, italienisch, deutsch, polnisch, lateinisch und altgriechisch.
Bereits im ersten Jahr seiner Agententätigkeit lieferte Augustin 69 Berichte, ein Jahr später, 1962, waren es insgesamt 64. Anfangs konzentrierte der Geheimdienst die Tätigkeit seines Agenten darauf, die „Aktivität des [katholischen] Kultus in der Diözese Bukarest-Iaşi einzuengen“.6 Die willfährige Haltung Augustins – auch im offiziellen Umgang mit anderen staatlichen Behörden – war seinen vom kommunistischen Staat nicht anerkannten und schweren Verfolgungen ausgesetzten Amtsbrüdern nicht entgangen. IM „Lörincz“, ein katholischer Priester, der 1965 den ein Jahr zuvor aus der Haft entlassenen Geheimbischof Josef Schubert in seinem Zwangsaufenthaltsort in Timişul de Sus/Obertömösch besuchte, vermerkt in seinem Bericht, dass der von dem Regime nicht anerkannte Oberhirte der Bukarester Erzdiözese eine „äußerst schlechte Meinung“ von Augustin habe. „Dieser stütze sich auf die Hilfe der zivilen Behörden, um Schubert an der Ausübung seines Amtes als tatsächlicher Erzbischof von Bukarest zu hindern“, heißt es in dem zitierten Bericht.7
Auch der ebenfalls bis 1964 inhaftierte Geheimbischof von Temeswar, Adalbert Boros, äußerte sich abschätzig und absolut kritisch über Augustin, was die Securitate am 28. November 1964 in seiner Überwachungsakte vermerkt. Die kritischen Äußerungen von Boros sind auf die Teilnahme von Francisc Augustin an der dritten Tagung des Vatikanischen Konzils in Rom zurückzuführen. Zu dieser Tagung, die vom 14. September bis 21. November 1964 stattfand, war auch eine aus elf römisch-katholischen Geistlichen bestehende Delegation aus Rumänien angereist, darunter auch zwei inoffizielle Securitatemitarbeiter mit den konspirativen Namen „Matei Popescu“ und „Kiss Nicolae“.8

Erfolgreiche Securitate-Spitzel beim Konzil?

Geheimbischof Boros war besonders über die Beteiligung von zwei Mitgliedern der rumänischen Delegation am Konzil empört, und zwar von Francisc Augustin und Károly Pakocs9, die er als „untragbare Vertreter“ der katholischen Kirche Rumäniens bezeichnete.10
Die Staatsorgane setzten aber gerade auf diese „untragbaren Vertreter“, als die Parteiführung den Beschluss fasste, sich auch dem Vatikan gegenüber als weltoffen und tolerant darzustellen. Um diese verlogene Botschaft zu verbreiten, hatte die Securitate minutiöse Vorkehrungen getroffen, um ihre Informanten für die Reise zum vatikanischen Konzil nach Rom nachrichtendienstlich vorzubereiten. Dies geschah mit der Zustimmung der Parteiführung, die sich vorsichtig aus der hegemonialen Umarmung der Sowjetunion loszulösen versuchte.
Dieser Kurs wurde nach der Machtübernahme durch Nicolae Ceauşescu der westlichen Öffentlichkeit als Unabhängigkeitsbestrebung Rumäniens präsentiert. Erfolgreich, denn der Westen hat die eklatante Verletzung der Menschen- und Minderheitenrechte bis in die späten achtziger Jahre aus taktischen Gründen weitgehend ignoriert.
Die beiden inoffiziellen Mitarbeiter, die der elfköpfigen rumänischen Delegation angehörten, erhielten den Auftrag, die Vertreter des Vatikans und Papst Paul VI. (Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini, 1897-1978) über die Situation der römisch katholischen Kirche zu desinformieren. Gleichzeitig sollten sie jedweden Versuch „feindlicher Kräfte“, die offizielle Politik des rumänischen Regimes „zu verleumden“, mit Argumenten entkräften, die aus der Giftküche der Desinformationsabteilung der Securitate stammten. In diesem Zusammenhang hatte Francisc Augustin den Sonderauftrag, den ungarischstämmigen Bischof Áron Márton aus Alba Iulia als einen eigensinnigen Querkopf darzustellen, der den inneren Frieden der katholischen Kirche stört und durch seine Nörgeleien den Ausgleich der Kirche mit dem kommunistischen Staat hintertreibt.
Áron Márton (1896-1980) war Bischof der mehrheitlich von katholischen Rumänienungarn bewohnten Diözese von Alba Iulia. Während der Besetzung Nordsiebenbürgens durch Ungarn (1940-1944) verurteilte Áron Márton die Verfolgung und Deportation der Juden durch die profaschistischen ungarischen Behörden. Dafür wurde ihm 1999 postum der Titel „Gerechter unter den Völkern” zugesprochen.
Während der kommunistischen Herrschaft setzte sich Áron Márton für die Rechte der ungarischen Minderheit ein und protestierte gegen die Einschränkung der Religionsfreiheit. Er forderte die Aufhebung des Verbots der griechisch-katholischen (unierten) Kirche und veranlasste die seelsorgerische Betreuung der Unierten durch römisch-katholische Priester. 1949 ließen ihn die Kommunisten verhaften. Sechs Jahre später wurde der zu lebenslänglicher Haft Verurteilte wieder aus dem Gefängnis entlassen. Bis 1967 galt für ihn aber ein Zwangsaufenthalt in Alba Iulia. Auch sein bischöfliches Amt durfte er nicht mehr ausüben. Speziell Mártons kompromisslose Haltung sollte Francisc Augustin in Rom als Ausdruck des krankhaften Stänkerertums eines ungarischen Nationalisten darstellen.11
Die Securitate war mit der Arbeit ihrer Agenten offenbar zufrieden. Major Iancu Constantin und Oberst Andrei Olimpiu fassen am 21. Januar 1965 die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse zusammen, die auf den Informationen ihrer Mitarbeiter basierten, die sich vom 14. Oktober bis zum 5. Dezember 1964 in Rom aufhielten, an der Tagung des Konzils teilgenommen hatten und auch von Papst Paul VI. Empfangen worden waren. Laut Bericht soll der Papst sich zufrieden über die Lage der Kirche geäußert haben, nachdem ihm „Matei Popescu“ die Situation – den Instruktionen der Securitate entsprechend – geschildert hatte. „Ihr seid wie ein Sonnenstrahl“, soll Paul VI. während der Audienz zu den rumänischen Delegierten gesagt haben, „was mich dazu veranlasst, der Zukunft hoffnungsvoll entgegenzublicken. Ich bitte Sie, den hochrangigen Führern Ihres Landes mitzuteilen, dass wir jedwede Autorität respektieren und uns nichts weiter wünschen, als dass auch unsere Freiheit respektiert werde“.12
In den nachfolgenden Jahren setzte Francisc Augustin seine Karriere als inoffizieller Mitarbeiter fort. Auch nachdem er 1965 ins Parlament „gewählt“ worden war und nun vom Status eines einfachen IM zur „Vertrauensperson“ aufrückte. Francisc Augustin starb am 27. November 1983 in Bukarest. Sein Nachfolger wurde Ioan Robu, der bis heute als Erzbischof von Bukarest die Geschicke der römisch-katholischen Kirche Rumäniens lenkt.

 

  • 1 Vgl. Arhiva Consiliului National pentru Studierea Arhivelor Securitătii (ACNSAS), I 211527, 6 Bde.

  • 2 Ebd., Bd. 1, Bl. 180.

  • 3 Vgl. Handschriftliche Verpflichtungserklärung vom 21.12.1960, ACNSAS, R 311941, Bl. 22.

  • 4 Akte Deneş, ACNSAS, SIE 10829, 5 Bde.

  • 5 Actualitatea Creştină, XXI. Jg., Nr. 2, 2010, S. 32.

  • 6 Vgl.: Analyse der Akte des Agenten „Matei Popescu“, verfasst von seinem Verbindungsoffizier Oberstleutnant Ştefan Kasza am 07.05.1963, ACNSAS, R 311941, Bl. 33-35.

  • 7 Bericht von „Lörincz“ am 04.08.1965, ACNSAS, I 259075, 2. Bd., Bl. 27-28.

  • 8 Vgl. Bericht vom 21.01.1965, unterzeichnet von Major Iancu Constantin und Oberst Olimpiu Andrei, ACNSAS, R 311941, Bl. 42-51.

  • 9 Károly Pakocs [Pakots] (1892-1966), römisch-katholischer Geistlicher, verhaftet 1949, ein Jahr später aus dem Gefängnis entlassen. Professor am Priesterseminar von Alba Iulia und Iaşi, 1957 erneut verhaftet und 1963 entlassen. In ihrer Studie „Canonicul Czumbel Lajos în dosarele Securităţii (1950-1967)“ beschreibt ihn die Historikerin Andrea Dobeş-Fürtös als einen „Kollaborateur“, der 1951 an der Verhaftung von Domherr Lajos Czumbel (1891-1967) mitschuldig gewesen sein soll.

  • 10 Vgl. ACNSAS, I 259075, 2. Bd., Bl. 5-7.

  • 11 Bericht über die Vorbereitung des Agenten „Matei Popescu“ für den Auslandseinsatz, 15.10.1964, ACNSAS, R 311941, Bl. 37-41.

  • 12 Zusammenfassender Bericht vom 21.01.1965, gez. von Major Iancu Constantin und Oberst Andrei Olimpiu, ACNSAS, R 311941, Bl. 42-51.

    William Totok, geb. 1951, rumäniendeutscher Schriftsteller und Publizist, Studium der Germanistik und Rumänistik an der Universität Temeswar/Timisoara, Gründungsmitglied der bekannten "Aktionsgruppe Banat"“(1972-1975). Wegen der "Verbreitung staatsfeindlicher Gedichte" 1975-1976 inhaftiert, 1982-1985 Redakteur der Neuen Banater Zeitung, 1987 Ausreise nach West- Berlin. Er ist Mitglied des "Arbeitskreises für Geschichte und Kultur in Ostmittelund Südosteuropa e.V." und Redakteur der "Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik".