HEFT 77 | 03/2012 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn in freien Gesellschaften über Architektur debattiert wird, geht es um eine Vielzahl verschiedener Gestaltungen und Baustile, die allesamt Ausdruck einer gewissen Pluralität des Geschmackes und des Zeitgeistes sind. Gänzlich anders stellt sich die Situation beim Blick auf die sozialistische Architekturgeschichte dar. Der Sozialismus als die „fortschrittliche Gesellschaftsordnung“ sollte sich nach dem Willen der Parteiführer auch in seinem baulichen Erscheinungsbild abheben. Neben die „sozialistische Planwirtschaft“, den „sozialistischen Menschen“ sollte die „sozialistische Stadt“ und die sozialistische Architektur treten. Für Pluralität war da kein Platz: Im Sozialismus konnte selbstverständlich nicht anders als sozialistisch gebaut werden.

Bei der Definition dessen, was denn nun unter sozialistischem Bauen zu verstehen sei, geriet die Parteiführung, die sich gern höchstpersönlich um den zu bauenden Sozialismus kümmerte, in arge Schwierigkeiten. „Sandstein blieb auch im Sozialismus Sandstein, Ziegel blieben Ziegel, Arkaden blieben Arkaden: Jede Festlegung auf Materialien oder auf eine gänzlich neue Formensprache hätte unweigerlich die Frage aufgeworfen, was nun das spezifisch Sozialistische daran sein sollte“, schreibt Jörg Kirchner in diesem Heft. Stalin löste das Problem mit der Formel, die Baukunst solle national in der Form, aber sozialistisch im „Inhalt“ sein. Damit war der Weg frei, sich quasi ideologiefrei aus dem bauhistorischen Erbe zu bedienen. Und so konnte der preußische Hofbaumeister Karl-Friedrich Schinkel, der Kirchen und Schlösser für seine fürstlichen Auftraggeber entworfen hatte, in der DDR zu einem Protagonisten für „fortschrittliches Bauen“ aufsteigen.

Um sozialistische Baukunst ging es aber in der DDR nur kurze Zeit. Schnell wurde deutlich, dass die ineffiziente Planwirtschaft mitnichten in der Lage war, die Ressourcen für den gebauten Sozialismus aufzubringen. Bereits 1955 beschloss man, „besser, schneller und billiger“ zu bauen. Nun begann der Siegeszug der Betonplatte. Sozialistisch bauen hieß jetzt, „daß jeder erst mal seine Wohnung haben muss“. Getreu der neuen Linie wurden in den ostdeutschen Städten teils gigantische Plattenbausiedlungen errichtet. Der Anspruch, den Wohnungsmangel zu beseitigen, konnte bis zum Ende der DDR trotzdem nicht eingelöst werden.

Neben unserem Schwerpunktthema erwartet Sie wieder eine Fülle interessanter Beiträge, so beispielsweise ein erstmals in deutscher Sprache erscheinender Text von Elena Bonner über ihre Einsicht in KGB-Akten und ein Beitrag über die Durchdringung der West-Berliner Polizei mit Stasi-IM.

Wir wünschen Ihnen wie immer eine interessante Lektüre.

Die Redaktion

—› Inhaltsverzeichnis Heft 77

 

—› Titel und Inhalt (pdf)