HEFT 78 | 04/2012 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

Die geraden geometrischen Muster eines Mikrochips, wie er auf dem Cover unseres Heftes zu sehen ist, gaukeln ein harmonisches Bild von Wissenschaft und Forschung in der DDR vor. Doch wie in so vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen des deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates klafften auch hier große Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Das war zunächst eine Frage des Geldes. Die mit legalen und illegalen Exportgeschäften erwirtschafteten Devisen dienten vor allem dafür, die oft veralteten Produktionsanlagen am Laufen zu halten und Versorgungslücken zu schließen. Hinzu kam das CoCom-Embargo des Westens, das für die konspirative Beschaffung moderner Technologien aus dem Westen absurd hohe Kosten verursachte. Für die eigene Forschung blieben da zu wenig Mittel übrig. Die Folge war, dass die Industrieprodukte „Made in GDR“ sehr selten dem letzten technischen Stand entsprachen und viel zu teuer produziert wurden.

Abseits von den materiellen Voraussetzungen stellt sich aber auch die Frage, wie sich Forschergeist in einem totalitären Staat entwickeln kann. Der Wissenschaftshistoriker Hubert Laitko erläutert in seinem Aufsatz die Grenzen des politischen Bewegungsraumes, die selbst systemnahen DDR-Naturwissenschaftlern gesetzt waren. Bei Versuchen einer Überschreitung dieser Grenzen reagierte das System unverzüglich mit seinem diktatorischen Instrumentarium. Eva-Maria Fabricius schildert aus eigenem Erleben, unter welchen Bedingungen unangepasste Wissenschaftler in der DDR arbeiten mussten. Sie waren weitgehend ausgeschlossen von westlicher Fachliteratur, verfügten selten über moderne Gerätschaften und durften nur sehr eingeschränkt Kontakt mit westlichen Kollegen pflegen.

Manchmal ebnete aber auch die Stasi enttäuschten Forschern neue Wege. Wir erzählen die Geschichte von „Kartell“, einer kleinen, geheimen Wunderwerkstatt in Karl-Marx-Stadt, in der das MfS engagierten Ingenieuren beste Laborbedingungen für die Entwicklung neuer Produkte bot.

Abseits von unserem Schwerpunkt Wissenschaft und Forschung widmet sich das Heft unter anderem der Debatte um Andrzej Wajdas umstrittenen Film über den Solidarnosc-Führer Lech Walesa und der Diskussion über die Zwangsarbeit von DDR-Häftlingen für westliche Konzerne wie Ikea. Darüber hinaus werfen wir einen Blick zurück auf Sumpfblüten des Kalten Krieges in der jungen Bundesrepublik: die systematische Überwachung und Beschlagnahme innerdeutscher Postsendungen im Westen und die Nutzung der Vertriebenenverbände für Spionageoperationen durch die Organisation Gehlen und ihren Nachfolger, den Bundesnachrichtendienst.

Wir wünschen Ihnen wie immer eine interessante und anregende Lektüre

Die Redaktion

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