HEFT 79 | 01/2013 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

Revolutionen gegen Diktaturen sind vor allem dann erfolgreich, wenn es zum gegebenen Zeitpunkt einen allgemeinen Konsens in breiten Bevölkerungsschichten darüber gibt, dass die Zeit dafür gekommen ist. In einem solchen Fall haben die Herrschenden bereits vor der eigentlichen Revolte die Kontrolle über die gesellschaftliche Meinungsbildung verloren und stehen dann der Willensbekundung ihres Volkes rat- und machtlos gegenüber. Diese Genesis grundlegenden Wandels haben wir 1989 in der DDR und den osteuropäischen Ländern gesehen.

Auch 1953 gab es einen breiten Konsens in der ostdeutschen Bevölkerung darüber, dass die SED abgewirtschaftet hatte. Viele Menschen sahen den kurz vor dem 17. Juni verkündeten „Neuen Kurs“ der SED als Bankrotterklärung der herrschenden Partei, der nun natürlicherweise auch ein Machtwechsel folgen müsse. Im Verlaufe des Aufstandes zeigte sich auch, dass die Basis der Partei schnell erodierte - die lokalen Funktionäre flüchteten scharenweise vor dem eigenen Volk und tauchten unter.

Doch anders als 1989 war 1953, acht Jahre nach Kriegsende, die Herrschaftssicherung durch nackte Gewalt ein im Angesicht des Kalten Krieges auch international akzeptierter Weg. Besonders deutlich kam das in der britischen Position zum Volksaufstand zum Ausdruck: In Großbritannien war man der Meinung, die Sowjetunion dürfe in ihrer Besatzungszone selbstverständlich „Ruhe und Ordnung“ wiederherstellen. Schließlich nehme man dieses Recht auch für sich selbst in Deutschland in Anspruch.

Unser Schwerpunktthema führt zurück in eine Zeit, die vielen Menschen, die heute in einer gesicherten demokratischen Gesellschaft sozialisiert sind, zunehmend unverständlicher wird. Politische Verfolgung, Gesinnungsterror, abstruse Gewaltherrschaft sind heute aus unserer Lebenswelt verschwunden. Mit dieser erfreulichen Entwicklung verschwindet aber auch die intime Kenntnis gelebter und erlittener Diktaturerfahrung, und wir sind zunehmend auf die von der Geschichtsschreibung vermittelten Informationen zur eigenen Urteilsbildung angewiesen. Je größer der zeitliche Abstand und die kulturelle Entfernung von den im Rückblick archaisch anmutenden Herrschaftssystemen wird, desto gröber werden mitunter die Bilder, die sich davon dartun. Geschichte bleibt aber nur lebendig, spannend und lehrreich, wenn sie facettenreich erzählt wird. Der 60. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 bietet hierzu eine gute Gelegenheit.

Wir wünschen Ihnen wie immer eine interessante und anregende Lektüre

Die Redaktion

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Solidaritätsbekundung mit dem Prager Frühling auf der zentralen Mai-Demonstration in Ost-Berlin. Sicherheitskräfte nehmen die Träger des Transparentes kurze Zeit später fest.
Zollhaus Ruhland (2009), Foto: Gerold Hildebrand
Görlitz, Platz des 17. Juni (2013), Foto: Gerold Hildebrand
Rostock, Platz des 17. Juni (2013), Foto: Gerold Hildebrand