HEFT 80 | 01/2014 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

nach dem Sie leider lange darauf warten mussten, halten Sie heute die neue Ausgabe der Aufarbeitungszeitschrift „HORCH UND GUCK“ in der Hand. Wir freuen uns, dass Sie dieser trotz der langen Pause treu geblieben sind. Mittlerweile ist die Herausgeberschaft vom Berliner Bürgerkomitee „15. Januar“ zum Bürgerkomitee Leipzig gewechselt. Und es hat sich ein politischer Erdrutsch in Thüringen ereignet.

„Wieviel SED steckt in der Linkspartei?“ Als wir uns diese Frage vor einigen Monaten gestellt haben, ging es im politischen Raum noch sehr hypothetisch um die möglichen Machtoptionen der Erben der SED-Nomenklatur. Die Partei Die Linke war zwar mit der Bundestagswahl 2013 zur drittstärksten politischen Kraft aufgestiegen und betrachtet sich als Oppositionsführerin. Doch dass sie zum Jahresende mit Bodo Ramelow in Thüringen den ersten linken Ministerpräsidenten in der Bundesrepublik stellen würde, hielten viele für unwahrscheinlich.

Umso wichtiger und spannender sind nun die Aufsätze und Recherchen, die wir Ihnen in diesem Heft zusammengestellt haben. Ist Die Linke in der Normalität angekommen, gar regierungsfähig? Namhafte Autoren gehen dieser Frage nach und leuchten in oft verborgene oder gern übersehene Winkel: Was verbindet die heutige Linke mit der einstigen Staatspartei, welche personellen Kontinuitäten und rechtlichen Verbindungen bestehen? Was verbirgt sich hinter dem von der SED-Nachfolgerin propagierten „Systemwechsel“? Geht sie offen und kritisch mit ihrer Verantwortung für die SED-Diktatur um? Inwieweit sind ihre außenpolitischen Positionen besonders gegenüber Putins imperialen Russland durch ihre Herkunft geprägt? Der Regisseur und Bürgerrechtler Konrad Weiß jedenfalls kommt in seinem einleitenden Überblicksartikel zu dem Fazit: „Es ist eine Partei, in der noch immer viel zu viel SED steckt.“

Wie gewohnt wird der Themenschwerpunkt durch viele weitere Beiträge ergänzt. In dem neuen Format „Pro und Contra“ debattieren Hubertus Knabe, Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und die Ostbeauftragte der Bundesregierung Iris Gleicke über das Verbot von DDR-Symbolen. Torsten Dressler stellt aus bauärchologischer Sicht den Erinnerungsort „NVA-Knast“ Schwedt vor. Helmut Frauendorfer widmet sich mit dem Freikauf der Rumäniendeutschen einem bisher weitgehend unbekannten Thema und Jochen Staadt würdigt Wolfgang Leonhard, der im August verstorben ist.

Dies sind nur einige Beiträge aus einer breiten Palette, die das Heft bietet. Mit dem Wechsel von HORCH UND GUCK nach Leipzig ist keine Verengung der Themenvielfalt oder gar eine Leipziger Nabelschau verbunden. Die Stadt ist und bleibt jedoch ein wichtiger Erinnerungsort gegen das Vergessen der kommunistischen Diktatur. Und damit ein guter Ort für HORCH UND GUCK.

Wir wünschen Ihnen eine interessante und anregende Lektüre. Das nächste Heft, das sich dem Hitler-Stalin-Pakt widmen wird, ist bereits in Vorbereitung.

Die Redaktion

 

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