HEFT 82-83 | 1-2/2016 | Editorial | SEITE 1

Liebe Leserinnen und Leser,

reichlich ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit mutige Bürger in der DDR dem SED-Regime die Stirnboten, den Fall der Mauer erzwangen und letztlich der Deutschen Einheit den Weg bereiteten. Auch diegroßen Jubiläen sind vorbei. Anlass genug, einmal innezuhalten und zurückzublicken auf die FriedlicheRevolution im Herbst 1989, auf die Entwicklungen, die den damaligen Umwälzungen vorausgingen und auf die Jahre danach im wiedervereinigten Deutschland. Auch für die vorliegende Ausgabe haben wir wieder zahlreiche Autoren versammelt, die dieses Thema in der vorliegenden Doppelausgabe der Aufarbeitungszeitschrift HORCH UND GUCK aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

So lässt Ehrhart Neubert in seinem Überblicksartikel noch einmal jene Monate im Herbst 1989 Revue passieren, als der SED die Macht über die Menschen zunehmend entglitt. Exemplarisch macht der Autor diesen Prozess am Medium der Sprache fest – vor dem Machtverlust stand der Verlust der sprachlichen Dominanz, mithin die Deutungshoheit über das Geschehen. Unterstützung erfährt Neuberts These durch Hans-Hermann Hertle, der den Mauerfall am 9. November ebenfalls auf kommunikative Defizite zurückführt, genauer: auf eine Fehlinterpretation westlicher Journalisten, die Schabowskis Worte irrtümlicherweise so verstanden, als stünde die Grenze bereits offen. Erst jetzt gab es für Tausende DDR-Bürger kein Halten mehr. Vor diesem Hintergrund gebührt es Karel Vodička, auf die Rolle der tschechoslowakischen Genossen hinzuweisen, deren Druck die DDR-Grenzöffnung maßgeblich beschleunigt hat. Schließlich rufen Karsten Brüggemann und Manfred Wilke ins Gedächtnis, dass sich die Umwälzungen des Jahres 1989 keinesfalls nur auf die DDR beschränkten, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen darstellten.


Einmal mehr steht die Zukunft der Stasi-Unterlagenbehörde zur Debatte, nachdem eine Expertenkommission deren Überführung ins Bundesarchiv empfohlen hat. In der Rubrik Pro und Contra diskutieren Richard Schröder und Hildigund Neubert den künftigen Umgang mit den Stasi-Akten. Von ähnlicher Aktualität sind auch die Beiträge von Peter Maser und Sven Felix Kellerhoff in diesem Heft, die sich quasi im Nachgang zu unserem Themenschwerpunkt aus Heft 80 – Wie viel SED steckt in der Linkspartei? – noch einmal mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur rot-rot-grün regierten Thüringen befassen. Schließlich erreichte uns noch kurz vor Redaktionsschluss die Kunde, dass die bundeseigene Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BBVG) plant, große Teile des früheren Speziallagers Mühlberg für den Kiesabbau zu verkaufen. Matthias Taatz und Uwe Steinhoff von der Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. berichten.


Abschließend haben wir leider noch ein paar weniger erfreuliche Neuigkeiten in eigener Sache zu vermelden: So hat sich die finanzielle Situation von HORCH UND GUCK seit der Übernahme der Zeitschrift nicht verbessert. Nachdem die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ihre Förderzusage komplett widerrufen hatte, konnten zumindest die jüngsten beiden Ausgaben durch temporäre Zwischenfinanzierungen seitens des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen sowie der Sächsischen Staatskanzlei sichergestellt werden. Mit dem Auslaufen dieser Projektförderungen steht HORCH UND GUCK allerdings erneut vor einer ungewissen Zukunft. Ein Förderantrag bei der Bundesstiftung Aufarbeitung für zumindest zwei weitere Ausgaben wurde wiederum abgelehnt. Nach wie vor sind wir auf der Suche nach neuen Geldgebern; allein durch Abonnements und Einzelverkäufe trägt sich das Heft leider nicht.


Sodann möchten wir die Gelegenheit nutzen, unseren vielen Abonnenten zu danken, die der Zeitschrift trotz der teils langen Wartezeiten stets die Treue gehalten haben. Auch wenn die Zukunft von HORCH UND GUCK momentan eher im Ungewissen liegt, wünschen wir Ihnen eine spannende Lektüre.

Die Redaktion

 

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