Veranstaltung
"HORCH UND GUCK", Heft 71, 19. März 2011, Heftvorstellung und Podiumsdiskussion "Sperrgebiet - Grenzfälle nach dem Mauerbau" im Rahmen der Veranstaltung "Leipzig liest" (Leipziger Buchmesse)
Termin: | Samstag, 19. März 2011 |
Beginn: | 15.30 Uhr |
Ort: | Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" Kartenansicht bei Maps.Google.de |
in Diskussion:
Dr. Stefan Appelius, Historiker, Potsdam
Dr. Christian Halbrock, Historiker, Berlin
Benn Roolf, Redakteur von HORCH UND GUCK
Nachlese im Newsletter des Bürgerkomitees Leipzig vom April 2011:
HORCH & GUCK HEFT 71: SPERRGEBIET. GRENZFÄLLE NACH DEM MAUERBAU
Es ist schon fast Tradition, dass das Bürgerkomitee "15. Januar" e.V. zur Leipziger Buchmesse mit dem jeweils neuen Vierteljahresheft der Zeitschrift zur Aufarbeitung der SED-Diktatur "Horch&Guck" in der Gedenkstätte Museum in "Runden Ecke" zu Gast ist. Dieses Jahr wurde Heft 71 mit dem Titel "Sperrgebiet. Grenzfälle nach dem Mauerbau" vorgestellt. Die Autoren Stefan Appelius und Christian Halbrock informierten über die Beiträge im Heft unter der Moderation des leitenden Redakteurs Benn Roolf.
Roolf merkte eingangs an, dass es natürlich schon eine Vielzahl von Publikationen, wissenschaftliche oder belletristische, über die Mauer oder den Mauerbau gebe. Das Anliegen des Heftes sei es, Lücken zu schließen und Tabus über das Thema aufzudecken, etwa zu Toten an der Grenze oder wenig erforschten Fluchtwegen von DDR-Bürgern.
Halbrock gab zunächst die Grundrichtung der einschlägigen Literatur wieder. Die wissenschaftlichen Beiträge stimmten überein, dass der Mauerbau eine Zäsur sei, ja sogar als die eigentliche Staatsgründung der DDR dargestellt werde. Denn erst danach wurde sie als eigenständiger Staat, zumindest aus Sicht des Warschauer Paktes, gesehen. Horch&Guck prüfe unterdessen die Langzeitwirkungen des Jahres 1961. Er selbst lieferte einen Artikel über einen Schauprozess im Dezember 1961, bei dem ein Schauspieler engagiert wurde, der als angeblicher Hauptzeugen zwei "Verdächtige" belasten sollte. Es habe 1961 viele solche Schauprozesse gegeben, an denen das Regime seine Macht demonstrierte. Dabei wurden die Gründe der Verhaftungen oft frei erfunden. Außerdem beschäftigte sich Halbrock mit verschiedenen Fällen von Denunziationen und stellt insgesamt fest, dass das Thema wenig
aufgearbeitet ist.
Stefan Appelius forscht seit vielen Jahren über Flüchtlinge in Bulgarien. Dafür war er auch einige Zeit lang in Sofia. In seinem Artikel im Heft 71 schildert er einen Fall zweier DDR-Flüchtlinge an der bulgarischen Grenze. Es handelt sich um zwei Jugendliche, die am Grenzübergang angeschossen wurden und deren Fall ungeklärt blieb. Überraschend wäre für ihn der Widerstand der Bulgaren gewesen, Informationen über deutsche Grenztote heraus zu geben. Ihm fiel auch auf, dass die Landsleute sehr aufmerksam gewesen seien, denn sie meldeten alles, was ihnen verdächtig vorkam.
Moderator Roolf wechselte noch einmal das Thema und sprach die Verantwortung der Sowjetunion am Mauerbau an. Er richtete an Halbrock die Frage, ob denn der Anteil der SED am "antifaschistischen Schutzwall" geschmälert werden müsse. Der Historiker antwortete zunächst diplomatisch, dass es eine Interessenüberlagerung beider Seiten gewesen wäre. Die Sowjets mussten der destabilisierten DDR massiv unter die Arme greifen, 1960 sogar mit Lebensmitteln. Auch die SED sah, "dass ihr der ganze Laden um die Ohren fliegt." Die Massenfluchtbewegung und die gescheiterte Kollektivierung der Bauern hätte sie gezwungen, die Notbremse zu ziehen. "Der Mauerbau drängte sich über weite Strecken auf."
Als die Runde für das Publikum frei gegeben wurde, zeigten die Besucher großes Interesse an den DDR-Flüchtlingen in Bulgarien. Appelius berichtete von geglückten Fluchtversuchen sowie von professionellen Fluchthelfern, die wegen des Profits, aber auch aus ideellen Gründen gehandelt hatten.
Das Heft 71 der seit 1992 existierenden Zeitschrift "HORCH UND GUCK" beleuchtete verschiedene Aspekte rund um den Mauerbau, die bisher wenig Beachtung fanden. Der Herausgeber Bürgerkomitee "15. Januar" e.V. widmete sich anfänglich ausschließlich dem Ministerium für Staatssicherheit, hat jedoch inzwischen sein Themenspektrum erweitert: Von der SED-Diktatur bis hin zur DDR-Gesellschaft, deren Aufarbeitung sowie die damit in Zusammenhang stehenden Gegenwartsthemen. Daneben gilt ein besonderes Interesse der Aufarbeitung anderer kommunistischer Diktaturen. Die Zeitschrift ist eine politisch unabhängige und pluralistische, die insbesondere den Themen der früheren DDR-Bürgerbewegung Raum geben will.


