Siegfried Heinrichs - Schriftsteller und Verleger (4.10.1941 - 8.4.2012)

Ein Leben für die – im kommunistischen Herrschaftsbereich – unterdrückte Literatur

Siegfried Heinrichs und Utz Rachowski im November 2010 in Neukölln. Foto: privat

Siegfried Heinrichs wuchs in Alleringersleben bei Marienborn auf. Nach 1945 wurde das nahe Helmstedt für DDR-Insassen unerreichbar. Heinrichs gehört zu den wenigen Schriftstellern, die die deutsch-deutsche Grenze immer wieder thematisierten. Noch prägender wurden für ihn jedoch die drei Haftjahre im SED-Staat: „Die Gitter sind meinem Wort eingewachsen – deshalb versuche ich, sie mit meinem Atem, meinem Vers, zu zersägen.“

1963 begann Heinrichs zu schreiben: an einem Roman und Gedichte. Er vertraute die Texte seinem Bruder an. Doch dieser, Mitglied der SED, denunziert ihn. Heinrichs wird im Februar 1964 auf dem Weg zu seiner Arbeit als Bankangestellter in Karl-Marx-Stadt verhaftet: „wegen Verbreitung und Herstellung staatsgefährdender Schriften gegen Mauer, Stacheldraht und Maulverbot Andersdenkender.“ 254 Tage später droht ihm ein Staatsanwalt zehn Jahre Haft an wegen Hochverrats, Hetze und Staatsgefährdung. Als sich der Dichter weigert, über Bekannte auszusagen, bringt Staatsanwalt W. die Möglichkeit der Todesstrafe ins Spiel. Der Häftling sehnt sich nach dem „Stacheldrahtfrieden“ – draußen, in der ungeliebten DDR. Siebeneinhalb Monate bleibt Heinrichs in Stasi-Untersuchungshaft. Dann wird er zu drei Jahren Haft verurteilt, die er im Zuchthaus Waldheim verbringen muss. 1974 verlässt er die DDR, ausgebürgert.

In West-Berlin ist Heinrichs einer der Ersten in der ab Mitte der siebziger Jahre heftig anwachsenden Exilgemeinde ausgebürgerter Schriftsteller und Künstler: Roger Loewig, Sieghard Pohl, Siegmar Faust, Wolf Biermann, Jürgen Fuchs, Utz Rachowski … Und er mischt sich immer wieder ein, wenn in der DDR Künstler verfolgt werden, hält Kontakt zu Sarah Kirsch und Karl Heinz Jakobs, beschwert sich bei Anna Seghers.

Seine Hafterfahrungen hält er eindrücklich fest im Prosa- und Lyrik-Band Die Vertreibung oder Skizzen aus einem sozialistischen Gefängnis, der 1980 im Verlag europäische ideen erscheint - und 1983 als Taschenbuch mit dem Titel Kassiber im Oberbaumverlag.

Jürgen Fuchs urteilt 1978 im Vorwort zum Lyrik-Band Mein schmerzliches Land über die Texte von Siegfried Heinrichs: „Auf das Urteil der Zeitungsschreiber, ob hier Kunst, Dokument oder gar nichts vorliegt, kann verzichtet werden. Diese Zeilen leben, weil das, was sie sagen, gelebt wurde. Und nicht nur von dem, der sie aufschrieb. Sicher, andere leben anders. Das kann ein Grund sein, warum dieses Buch weggelegt, verrissen oder verdrängt wird. Daß sich Staatsanwälte für solche Gedichte interessieren, kann als Erfolg verbucht werden. Daß Leser dieses Schlages nicht mit Betroffenheit und dem Niederlegen ihrer Ämter reagieren, sondern den Autor ins Zuchthaus stecken, überrascht nicht und bleibt ein Verbrechen.“

1985 übernimmt Heinrichs den Oberbaumverlag. In seinem Ein-Mann-Gewerbe, finanziert durch seine Arbeit als Materiallagermeister in einer Kreuzberger Firma für Sanitäreinrichtungen, bringt er Bücher von Sieghard Pohl, Kalle Winkler, Rüdiger Rosenthal & Cornelia Schleime, Utz Rachowski und Axel Reitel heraus, die illegal in der DDR verbreitet werden. Bald kommen Dissidenten aus verschiedenen osteuropäischen Ländern hinzu: Jewgenij Samjatin, Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Nicolai Gumiljov, Boris Pasternak, Marina Zwetajewa, Joseph Brodsky, Warlam Schalamov, Miklós Radnóti und Sinaida Hippius. Oder der aus Syrien exilierte Ali Ahmad Said, der unter dem Pseudonym Adonis schreibt. Und auch Ousmane Sembène aus dem Senegal, ebenfalls nach Frankreich emigriert.

Schließlich, im Jahr 2000, veröffentlicht Heinrichs posthum die Tagebücher und Erinnerungen von Sándor Márai (1900 - 1989). Schon 1996 hatte er dessen autobiografischen Roman Bekenntnisse eines Bürgers herausgebracht – drei Jahre bevor Márais Wiederentdeckung in den Feuilletons stürmisch gefeiert wird. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Heinrichs die Rechte gerade an den Piper-Verlag abgetreten. Sein ambitionierter Verlag blieb zwar ein Zuschussunternehmen, war aber auch eine große Ermutigung.

Siegfried Heinrichs lebte in Berlin-Neukölln. Am Ostersonntag ist er im Alter von 70 Jahren gestorben.

Gerold Hildebrand

Utz Rachowski: In Memoriam Siegfried Heinrichs

Utz Rachowski: Die zwölf Stühle des Siegfried Heinrichs

Ein ausführlicher Nachruf erschien in unserer Juni-Ausgabe (Heft 76).

Erinnerung an Siegfried Heinrichs am 11. Juni 2012 in Berlin - siehe Termine und Hinweise.